Vom Kind zur Jugendlichen

Nach und nach wurde auch ich „jugendlich“. Das ergibt sich im Laufe der (Schul-) Jahre so, 😉 erst recht in der damaligen DDR. Pioniernachmittage und später FDJ („freie deutsche Jugend“)-Treffen nahm ich gern mit, denn sie sorgten ja auch dafür, dass ich nicht „zu Hause“ sein musste. Und es waren nicht „unterrichtsmäßige“ sondern eher hobby-freizeitzbetonte Zusammenkünfte.
Ich wurde aufgrund meiner immer fließender werdenden Schönschrift stets zur „Kreativ-Schriftführerin“ ausgewählt und fand diese (Haupt-) Aufgabe als angenehm. Konnte ich doch dabei eher ruhig zuhören und mitschreiben als selbst reden und diskutieren zu müssen…

Diskutieren an sich ist ja klasse. Meinungen austauschen, anderen Gedanken folgen, mal umdenken und verschiedene Perspektiven erfahren und erfühlen…
Was mich aber schon damals
– obwohl es (damals) meiner Empfindung nach eher nicht-aggressiv zuging –
störte, waren „Diskussionen“ die nur darauf zielten, „die anderen“ von der „eigenen Meinung“ zu überzeugen und sie zu beeinflussen.
Das empfand ich als sehr anstrengend und doktrinär. Die gewollte politische Linie war mir vollkommen egal, ich nahm – das betone ich immer offen – daran teil, weil es für mich eine „Flucht“ aus der häuslichen Gewalt war.
War ich in den“Gremien“ Treffen dabei , war ich nicht „angreifbar“.
Oft kommt, WENN ich dies mal erwähne oder gar erzähle, die „Feststellung“, dass ich ja dann eine kommunisitisch/sozialistische „Mitläuferin“ gewesen sei… die sich dann eben die „Rosinen aus dem Kuchen“ gepickt hat und sich vom System hat mitziehen lassen und so weiter.
JA!!  UND?  Selbstschutz! Schon damals. Kind lernt schnell, wenn es muss.

So kam dann auch die „Jugendweihe“. Was´n das? Da wirst zum „jungen Erwachsenen“ gekürt nach sozialistischer Marotte. Sage ich heute dazu.
Die Feier vergleichbar mit heutigen „Abi-Bällen“.
Damals schicke Kleider zu bekommen, für ein junges „Fräulein“, was eher in zerschnittenen Jeans und Pulli und barfuss durch die Wiesen und Wälder tanzte und die Natur in sich einatmete…. die körperlich nicht so ganz ins „DDR-Schneider-Massband“ passte – es war eine Herausforderung und die Fotos schaute ich mir bis heute nur noch zweimal an. Es war einfach grauenhaft. Meine zwei „übrig gebliebenen“ Schulfreundinnen und die Mutti von der einen… wir vier haben uns vor ein paar Jahren beim Anschauen gleichzeitig geschämt und fast kaputt gelacht.

Buchtitel „Vom Sinn unseres Lebens“

Das Buch „Vom Sinn  unseres Lebens“ habe ich übrigens heute noch. Hoch interessant 😉

Die Klamotten habe ich übrigens niemals mehr angezogen und auch diese Schuhe… „Pumps“ mit spitzem fünf Zentimeter Absatz… nie wieder neinem Füßen angetan.

 

 

 

 

Die Schulzeit ging so dahin. Ich hatte mir ein wenig Respekt verschaffen können durch recht gute, zum Teil hart erarbeitete Schulnoten, als Schriftführerin, als Freundin der beiden Mädchen und als ich selbst. Wobei ich immer – IMMER!!! – in „Hab Acht“-Stellung war.

Zuhause war das Leben zwischen
Angst, „Hab acht“-Stellung , kleiner süßen (Halb-)Schwester, großen Schwester und Mutter und – DEM MANN – mehr als anstrengend für mich.
Die kleine Schwester (sie war ja nun vier, fünf Jahre „alt“) empfand ich als „Pflicht“ der nächstgrößeren Schwester, mich um sie kümmern zu MÜSSEN
und Rückzugswesen,  um das ich mich kümmern „durfte“ – Zuflucht.
Baute sie als kleines Kind Mist,
(zum Beispiel beim Spielen: die Bauklötzer fielen um und trafen beim Umfallen einen Blumentopf. Der fiel um und die Erde rieselte raus und DAS sah aus…also wirklich!!!)
bekam ich dafür die Strafe.
Beim ersten Mal versuchte ich das „Unglück/Pech“ zu erklären und bekam mehrere Schläge dafür.
Weil… ich hatte ja auf sie aufzupassen.
Hätte ich also richtig aufgepasst, wäre DAS nicht „passiert“.
Und überhaupt, wo gibt es denn sowas, die eigene Unzuverlässigkeit/Schlampigkeit auf die jüngere, Unschuldige abzuschieben?
Und – das Petzen, selbst WENN sie ES gewesen wäre… geht ja auch GAR NICHT!
Ich schankte also zwischen Wut, Angst, Hass und unendlicher Liebe zu diesem meinen zarten Geschwisterkind.
Mir wurde bald klar, dass auch sie mit all dem nicht glücklich war.

Wie steckt man als junges Mädchen die ganzen Tritte, Schläge, Beleidungen – diese ganze physische und psychische Gewalt „weg“?
Besonders wenn ich über die heutzutage immer offener ausgelebte Aggressivität in der Gesellschaft geschockt bin, frage ich mich das.

Körperliche Gewalt hinterlässt – nicht nur bei Kindern oder Jugendlichen – meistens sichtbare Wunden. Blaue Flecken. Hautrisse. Blutende Stellen. Trommelfelldefekte. Beulen. Und unsichtbare, nur fühlbare Schmerzen.
Das heilt meistens gut ab, nach einer Weile… irgendwann…

Psychische Gewalt – so war und ist es bei mir – hinterlässt Wunden, die nie ganz zu heilen. Wunden in der Seele. Wunden im Gefühl, für sich selbst und andere(s).
Wunden im Geist und besonders in der Würde. Im Selbstbewusstsein.
Unheilbare Wunden, wenn immer wieder „zugeschlagen“ wird.
Wenn man wie ich ein empfindsamer, hochsensibler Mensch ist, können (!) manche dieser Wunden wirklich nie ganz heilen.
Jede psychische Gewalt, die einem bewusst von anderen zugefügt wird, sorgt dafür, dass diese manchen Wunden eben immer wieder zu „bluten“ beginnen.

Wie bei einer Hautwunde, die immer wieder aufgeht. Weil man nun mal zB beim Schuhe zumachen wieder diese Nagelhaut aufreisst. Und kein Pflaster wirklich hält.

Ich habe gelernt, mit den vielen Wunden und Schmerzen zu leben.
Schon als Kind, als Jugendliche.
Mit den Misshandlungen, die MICH treffen sollten und trafen.
Mit dem „nu hab dich nicht so“ und dem „das kann ja gar nicht sein!“.
Mit all dem, was manche Menschen anderen Menschen oder Tieren ganz bewusst an Gewalt zufügen.
Es prägt einen, sich damit auseinanderzusetzen. Es aufzuarbeiten oder dies zumindest zu versuchen.
Und es hilft. Manchmal.

 

 

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