Kindheit – vierte Klasse und später

Kind lernt schnell. Nicht nur im Unterricht.
Schule als Unterricht empfand ich meistens als angenehm. Schon vor der Einschulung konnte ich ganz gut lesen, weil ich Märchen liebte und „Es war einmal…“ schon etliche Buchstaben beinhaltet. Und weil „Rotkäppchen“ grundsätzlich kein schlechtes Märchen ist.
Nur … warum der Wolf, der ja eigentlich im Wald sein Zuhause hat… und eigentlich doch auch… viel zu klein ist um ein Mädchen UND eine Oma zu fressen… ein „böses“ Tier sein sollte, wollte mir schon damals nie in den Sinn.

Also Lesen, Schreiben war toll. Die anderen Fächer nach und nach… naja, okay.
Sport mochte ich grundsätzlich auch. Nur den Sportlehrer nicht.
Der war – aus heutiger Sicht – ein ziemliches „Bisschen“ sadistisch.
Wenn ein nicht so sportlicher Schüler oder eine…Schülerin zB beim Bockspringen nicht „elegant“ aufkam und sich dabei weh tat, lachte er aus vollem Hals, statt erstmal zu helfen und zu schauen ob er/sie sich verletzt hat. Vor allen anderen. Welch Demütigung. Und unpädagogisch dazu.

Das Schwimmen wurde in der Stadt, wo wir vorher lebten, ab der vierten Klasse gelehrt. Ich kam ja nun in die Vierte in das Stadt-Dorf (es hatte Stadtrecht, war aber dörflich). Dort fuhren die Schüler schon ab der dritten Klasse zum Schwimmunterricht. Somit ich DEN ja schon ein Jahr nicht hatte.
Also musste ich „ins kalte Wasser springen“ – der Sportlehrer schubste mich im Spätsommer vom Freibeckenrand rein. Ich war nicht darauf vorbeitetet und das Wasser schlug über mir zusammen. Ich wurde ohnmächtig und ging unter.
Das hat der Sportlehrer… wann auch immer… mitbekommen und sprang (notgedrungen) hinterher um mich wieder raus zu holen. Am Beckenrand wurde ich abgelegt und kam nach einigen „Rettungsmaßnahmen“ wieder zu mir. DAS hat mir einige Monate später eine der drei Schulklassen-Freundinnen, die ich in den nächsten Jahren nach und nach „bekam“, erzählt. IHRE Mutter war empört darüber, als ihre Tochter ihr davon erzählte.
Der Sportlehrer wiederum war sauer und liess mich das deutlich spüren. „Wieder so ne Null!“

Der „Vorfall“ wurde erstmal nicht gemeldet und ich hatte an dem Tag Glück, dass meine Mutti aufnahmefähig genug war um mir zu zu hören. Sie war sichtlich erschrocken und daraufhin kam langsam die „Ohren-Geschichte“ ans Tageslicht.
Bei der nächsten Sportstunde war eine Sportlehrerin mit dabei, die sich den Mädchen widmete. Der Sportlehrer strafte mich mich völliger Ignoranz. Später und in den anderen Klassenstufen liess er immer wenn es ging, seine „Freude“ an anderen „Unsportlichen“ und mir aus. Die Sportlehrerin war gleichzeitig auch Deutschlehrerin und somit nicht immer beim Sport dabei. Wenn sie da war, machte mir Sport viel Spaß. Sprinten konnte ich super gut, hatte immer eine Eins. Auch Gymnastik oder Ballsportarten fand ich klasse.
Meine Körperstatur änderte sich pubertätsbedingt und ich wurde ziemlich fraulich. Das ist beim Sport sehr hinderlich und wurde von den männlichen „Anwesenden“ stets behämt. Auch vom Lehrer. Den die Lehrerin – WENN sie da war – dann auch dafür maßregelte.

Das Schwimmen sollte ich in den Winterferien in der Kreisstadt erlernen, inmitten von kleineren Schülern. Da mittlerweile meine Trommelfelldefekte bekannt waren, wurde ein klein wenig Rücksicht darauf genommen. Schließlich hatte ja keiner Lust, mich „ständig“ wiederzubeleben. Also brauchte ich nicht „rein springen“ sondern „durfte“ die Leiter runterklettern. Doch alle anderen Kinder… mit im Wasser… verursachten Wellengang. Platschen, „Untertauchen“  und weitere „Spiele“ waren erlaubt.
Die „Angst“ vorm Wasser verlor ich erst in meinem ersten eigenen „Erwachsenen-Sommerurlaub“, in dem ich mit Hilfe eines Schwimmringes in einer herrlich ruhigen Bucht ganz gemütlich und sehr lange …schwamm. Heute genieße ich das BADEN auf meine Weise und versuche, mir ein „ruhiges Eckchen“ zu ergattern. Dabei hilft auch die Schwimmnudel ganz gut. 😉

Aufgrund meiner „Körperfülle“ – *seufz* – das ist „Anssichtssache“ – hatte ich nach und nach gelernt, die Angriffe anderer abzuwehren. Nur mithilfe von Arm und Körperhaltung bzw. Körpersprache. Ohne jemals selbst zu „schlagen“ oder Drohgesten zu zeigen.
Somit überstand ich die nächsten Jahre zumindest in der Schule ohne größere (materielle) Verluste.
Wie schon erwähnt, hatte ich nach und nach mit einigen wenigen Klassenkameradinnen eine leichte bis sehr gute Freundschaft schließen können. Noch heute habe ich zu zweien davon ein freundschaftliches Verhältnis.
Die hatten damals auch nach und nach den Mut, mit einzugreifen wenn es wieder „los ging“. Auch die eine Lehrerin (Sport/Deutsch) sowie ein anderer Lehrer wurden für mich ein gewisser Halt.

Die Hierarchie damals in der Schule war aus meiner heutigen Sichtweise von Häme, Bestechung und Stasi geprägt. Die Partei hatte auch in der Schule ihren „Platz“. Nichts blieb verborgen.

DER … Mann… war Parteisekretät und hatte auch „seinen“ Einfluss, auf meine Mutti, meine Schwestern, auf mich und in der Schule.
Seine Tochter – meine nun „Halb-“ Schwester – war sein ein und alles. Sie war sehr zart und oft kränklich.
Ich lernte schnell. Kümmerte ich mich um sie, liess ER mich in Ruhe.
Einsame Abende an ihrem Bett begann ich zu genießen, um all die Repressalien zu verdrängen. Das ich sie streicheln konnte und sie das genoss, machte mich glücklich. Erst später konnte ich mit ihr über meine gelegentliche Wut und Verzweiflung ihr gegenüber reden. Da war sie schon so verständig und durch ein – ihr Leben völlig veränderndes furchtbares Ereignis (zu dem ich später komme) – sehr wach und aufmerksam.

Eins konnte mir kein „Stief…mann“, kein/e Mitschüler/in, kein Lehrer oder Lehrerin nehmen: meine Liebe zu Tieren.
Wenn ich die zeitliche Möglichkeit hatte, machte ich ausgedehnte Spaziergänge in den Wäldern ringsherum. Ging bewusst an manchen Gärten vorbei, um dort die Hunde zu begrüßen. Versuchte, kranken Vögeln ein warmes Plätzchen aus Laub und Reisig zu bereiten. Freute mich über Spuren von Wildtieren.

Und hasste den „Stief…mann“ stetig dafür, dass er zur Jagd ging. Lächelnd Reh- oder Hirschfleisch präsentierte, das er selbst geschossen hatte. Weigerte mich, mit zum „Jagen“ gehen zu „müssen“. Steckte dafür gern Strafprügel ein. Versuchte, mich zu weigern, dieses Fleisch essen zu müssen…

Meine Mutti war – das weiß ich heute – jahrelang ahnungslos und dann, als sie doch mitbekam, dass ich nicht log, leider machtlos.
Sie fürchtete sich auch vor IHM. Vor seinen Launen. Sie ging in drei Schichten arbeiten. Ganz schlimm war für mich, wenn sie Spätschicht hatte.
ER trank nach und nach immer mehr. War dadurch immer mehr enthemmt und immer brutaler.

Meine ältere Schwester bekam auch einiges ab, sie war aber schon in den „Jugendgremien“ und dadurch selten so zeitig wie ich zu Hause. Auch hatte sie ihre Freundinnen und konnte nach und nach die Freuden der Jugend und Cliquen weniger streng genießen.

Drei Mädchen, verbunden durch eine überfordert-bemühte-machtlose Mutter und einen Typ, der nur eine der vier „Weiber“ liebte und die anderen drei notgedrungen??? hinnahm oder verachtete…
Wir Schwestern haben alle einen vollkommen unterschiedichen Charakter und verstehen uns doch sehr gut. Zusammengeschweißt hat uns diese furchtbare Zeit auch, in unterschiedlichem Maße.

Das Aufarbeiten des Ganzen geschah bei mir, auch wegen verschiedenen weiteren Ereignissen, mithilfe von Psychologen und anderen ähnlich Betroffenen.
Davon will meine/unsere Mutti allerdings nichts hören. Sie will verdrängen.
Die Jüngere und ich können, wenn wir uns sehen und sich Gespräche in die Richtung „bewegen“, weinend über all das reden.

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