Kindheit ab 9 1/2 – der erste wirkliche Schlag meines Lebens

Das vierte Schuljahr war ein Kampf. Ich lernte schon als Vorzehnjährige seelische und körperliche Gewalt kennen.
Von Kindern.  Mitschülern.
Indem sie mir zum Beispiel in einer Pause, in meiner ersten Schulwoche dort, meine Federmappe vom Tisch klauten, während ich mich nach meiner Schultasche bückte, die mir zwei andere vom Stuhl reißen wollten.
Während ich wortlos um meinen Ranzen „kämpfte“ wurde mir somit meine Federmappe von zwei anderen zerfleddert. Alle Stifte und der (für uns sehr teure!) Füller fielen heraus und da wurde noch drauf getreten.
Die vier hatten ihren Spaß. Andere beim Zuschauen auch.
Andere schauten nicht hin. Andere riefen, „ey nich so laut!“

Die Lehrerin kam, plötzlich waren alle wieder auf ihrem Platz. Rings um meinen Platz lagen Stifte, ein zertretener Füller, eine zerfledderte Federtasche und einiges aus meinem Schulranzen.
Die Lehrerin schimpfte mich aus und machte einen Eintrag ins Klassenbuch.
„Die Neue“ hatte keine Manieren.
Warum ich mich nicht verteidigt habe?
Weil es beim ersten Mal so ein Wahnsinns-Schock war, mir das alles im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache verschlug.
Vier gegen eine.

Der Schultag verging. Ich hatte ab sofort immer und überall, selbst auf der Toilette, all meine Sachen an und bei mir. Zwischendurch wurde ich mal zur Klassenlehrerin gerufen, die mich fragte, was das „da vorhin“ sollte.
Ich kannte die Namen noch nicht und war völlig verstört und versuchte das zu erklären. Sie wollte es nicht verstehen. Heute bzw. seit einigen Jahren weiß ich warum.

Am Nachmittag kam ich völlig fertig nach Hause. Es waren etwa drei Kilometer Fußweg durch den kleinen, aber sehr langgezogenen Ort. Bergab und Bergauf.
„Oben“ angekommen und die Wohnungstür aufgeschlossen, war ich an dem Tag glücklicherweise allein. Und konnte endlich weinen.

Zuerst kam der — Mann…“Stief“vater““… von der Arbeit.
Er brüllte mich an und ich bekam die ersten der noch vielen folgenden Schläge meines Lebens. Der nächste Schock. Den ich kaum verkraften konnte.
So in etwa weil „kaum in der neuen Schule schon machst du Probleme! Was bist du für eine blöde Kuh! Kannst du nicht besser auf deine Sachen aufpassen!? Hast du eine Ahnung was die gekostet haben?! Für diesen Monat gibt es kein Taschengeld mehr!“
Jeder Satz eine Ohrfeige. Schmerzlich angetan in körperlichem wie wörtlich-verletzendem Sinn.
Als er „fertig“ war, kroch ich in (m)eine Zimmerecke. Ich hatte ein kleines, neun Quadratmeter „großes“ Zimmer, in dem das Doppelstockbett an der einen Querwand stand, dann noch ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch. Ein Teppich und Gardinen. Ein Bild von mir und eins der Kleinen. Mit der ich mir ab demnächst dieses Zimmer teilen sollte. Als bald Zehnjährige…
Ich verlies die Schreibtischecke erstmal nicht mehr und verhielt mich still.
Kind lernt schnell…

Am Nachmittag kam meine Mutti nach Hause. Sie war wieder im Krankenhaus in der Kreisstadt gewesen, bei der Kleinen, die nach ihrer Geburt sehr kränklich war und noch auf der Neugeborenenstation versorgt werden musste. Sie hatte aber auf dem Weg vom Bus nach „oben“ schon etwas von dem „schulischen Vorfall ihrer mittleren Tochter“ erfahren.
Was sie erfahren hat, weiß sie nicht mehr und ich werde es auch nie wissen. DAS führte jedoch zu tiefer Betrübnis bei ihr. Wieso machte ihre Tochter „plötzlich“ sowas? Wieso machte ich „plötzlich“ meine Sachen kaputt? Wieso benahm ich mich „plötzlich“ so furchtbar?

All diese Fragen. die ich beantworten wollte. Mich wenigstens zu Hause, bei meiner Mutti, ausweinen und verteidigen wollte. Aber da war jemand anders „schneller“, mal wieder.
DER … gegen DEN ich seit dem frühen Nachmittag eine verzweifelte Wut hegte, vor dem ich unermessliche Angst hatte, der mir nur durch sein Dasein inneres wie äußeres Zittern bescherte. Mich ständig auslachte oder anschrie. Er lachte über das Zittern meiner Hände, als ich meine Mutti umarmen wollte. Sie wies mich zurück, weil sie  – soweit mein Verständnis heute reicht – wohl auch erschöpft war von dem sicher anstrengenden Krankenhausaufenthalt, der vielleicht emotionalen Busfahrt… von der für sie erschreckenden „Nachricht“ mitten auf der Straße…über ihre unartige Tochter…

Sie sah meine flehenden Blicke nicht. Oder sie wollte sie an dem Tag nicht mehr sehen.

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