Wenn die Pflege ko(a)l(l)isiert

Die vergangenen Tage
ein „Hoch“ auf die neue …??? Regierung…
war unter anderem auch das Thema „Pflege“ wieder mal hochaktuell.

Mit Emotionen und Versprechungen kann so mancher eben viel „lecker Pudding kochen“.
Aber dieser Pudding wackelt, bei jedem Schritt …

 

 

 

Da ist nun wieder eine Diskussion im Gange, weil man ja eine (gemeinsame) Regierung zusammentackern „muss“ und dafür alles geben will und somit

facebook-Sreenshot

„…   muss die Politik für die bestmöglichen Rahmenbedingungen in der Pflege sorgen. Nur so kann dieser wichtige Beruf auch attraktiv bleiben – davon profitieren die Pflegekräfte, die Pflegebedürftigen und die gesamte Gesellschaft.
Dafür engagiere ich mich als Gesundheitspolitiker Tag für Tag.
So habe ich mich beispielsweise in den Koalitionsverhandlungen für bessere Rahmenbedingungen in der Pflege stark gemacht, wie z.B. eine Refinanzierung von Tariflöhnen oder mehr Pflegende in der Pflege.

Nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen werde ich die Ergebnisse zur Pflege auf meiner Homepage veröffentlichen. … “

Wer sich für eine Verbesserung der Pflege ernsthaft einsetzen will, sollte wirklich mindestens einige Wochen in mindestens Zwei-Schicht-System mitarbeiten.
Mithelfen beim Verlagern, Lagern, Umlagern, Verbands- und Medikationsarbeiten, Essen anreichen, Toilettengängen (von Anfang bis Ende dabei sein!), Hygienetätigkeiten wie Schränke saubermachen… Alles was eben in einem Pflegeheim oder Krankenhaus oder auch gerne in der ambulanten Pflege und Betreuung… so getan werden muss. Zumindest dabei sein, nicht wegsehen, mit anpacken.
So wie es ein Praktikant machen müsste.

DANN könnte derjenige „Entscheider“ vielleicht ein bisschen nachempfinden ob und was seine „Verbesserungsvorschläge“ tatsächlich bringen…

Wer nimmt einem die Entscheidung ab, ob man
auf das Klingeln von Frau M., die garantiert wieder mal zur Toilette will,
oder
auf das Klingeln von Herrn F., der schon vor gut ner Viertelstunde mobilisiert werden sollte weil er gleich Besuch bekommt,
oder
auf das Klingeln von Frau Z.,   die meistens „nur mal“ ein bisschen Gesellschaft möchte oder
… auf Herrn B.,  der eben in sichtlich verfärbter Unterhose lächelnd sein Zimmer verlässt und direkt auf die Zimmertür von Frau D. gegenüber zusteuert…
reagiert?
oder
all das ignorieren und zu hoffen es kümmere sich einer der anderen …
und wie man eigentlich vorhatte, zu Frau N. ins Zimmer geht und bei ihr den terminlich vorgesehenen und dringend notwendigen Dekubitus-Verbandswechsel und die darauf folgende Umlagerung vornimmt?


Alles gleichzeitig.

Ein kleines Beispiel eines von mir erlebten Morgens …
Zwei Pflege-Fachkräfte (examiniert) und eine Pflege-Hilfskraft in der Frühschicht.
Ab 6 Uhr 35 BewohnerInnen im Wohnbereich wecken, waschen und anziehen bis 7 Uhr .
Davon gut 20 BewohnerInnen hilfsbedürftig.
Ab 7 Uhr kam die Helferin zur Frühstücksvorbereitung.
Ab 8.30 Uhr kam ich, die Betreuungskraft, eigentlich zur kurzen „was gibts Neues-Nachfrage“.
Da ich aber meistens schon eher da war und auch ahnte, was anlag, war ich eben schon vor meinem eigentlichen Dienstbeginn (8 Uhr), und zwar auch um 7 Uhr da, gleich in „meinem“ Wohnbereich.
Lief zum Dienstzimmer – keiner drin.
Lief den Gang suchend entlang… fand die Wohnbereichsleiterin, die eigentlich gerade zur Dienstberatung sein sollte… in einem Bewohnerzimmer. Die WBL freute sich riesig und fragte mich ob ich … also wenn ich mir zutrauen würde…
Und ich entschied mich dafür, die „fertigen BewohnerInnen“ in den Speiseraum zu fahren oder zu begleiten. Schon dass alleine war tatsächlich eine große Hilfe für die Pflegenden…

Als Betreuungskraft habe ich nicht gepflegt.
Also nicht „gewaschen“, „mediziniert“ und all das bewundernswerte schwer Körperliche…

Ich habe aber Mobilitätsbegleitung
(also die/den BewohnerIN am Arm oder am Rollator oder am Stock…
den Gang „hinunter“ begleitet und dabei aufgepasst das er/sie nicht stolpert, stürzt, umknickt und so weiter, dabei ein freundliches Gespräch geführt und vielleicht ein Liedchen gesungen oder nach ihrem Befinden gefragt oder sowas eben…)

gemacht und
oft auch „Essen angereicht“.
Auch wenn ich das laut meiner „Berufsbezeichnung“… eigentlich nicht durfte.
Unsere Vorgesetzte meinte aber, wir sollen selbst entscheiden WELCHE dieser „solchen Tätigkeiten“ wir machen möchten, wann und bei wem und warum … sie würde immer zu uns stehen.
Denn manchmal ließ sich eine „basale Stimulation“ bei einer Bewohnerin oder einem Bewohner gut mit dem Essen anreichen verbinden.
Bei einigen ließ sich diese „15-Minuten-Aktivierung“ auch kaum anders sinnvoll machen.
Es waren „zu meiner Zeit“  15 Minuten dafür „vorgesehen“, einer dementen Person eine „basale Stimulation (link zu wikipedia) zur „10-Minuten-Aktivierung“ angedeihen zu lassen.

Basal stimulieren hieß für mich nicht nur, einen Igelball auf dem Unterarm hin und her zu rollen.
Sondern den Igelball vorher sorgsam auszuwählen, die meisten mochten die weichen „Pieksen“ lieber als die Harten.
Sie/ihn freundlich anzusprechen, ihr/ihm sanft mit einer Berührung die meinige Anwesenheit zu zeigen, mit ruhiger Stimme ein paar nette Worte zur Ankündigung zu sagen, dabei den Hautkontakt mit sanftem Streicheln zu beginnen…
Ihr/ihm damit signalisieren „Hey, ich bin da, für dich.
Da ist jetzt jemand bei dir. Keine Angst haben, ich tue dir nicht weh…“
Zu beobachten, ob es ihr/ihm gefiel, wie sie/er darauf reagiert, ob sie/er lächelt, weint, schnieft, zittert, zuckt oder „Gänsehaut“ bekommt, ob sich die Haut verfärbt oder verändert, ob die Gesichtszüge sich verändern oder…. ob sie/er den Ball vielleicht auch mal in die eigene Handfläche nehmen möchte, Bewegungen mit den Händen oder anderen Körperteilen, suchend, schwingend oder…

Bitte. 15 Minuten sanfte freundliche echte uneingeschränkte Aufmerksamkeit.
Jede Geste ein Danke für mich. Ein gesprochenes Danke rührte mich genauso, auch ein „zurückstreicheln“ oder ein Augenzwinkern…

Ein „Job“ ist es für die meisten nicht, sondern eine Berufung. Ein „Job“ muss ja keinen Spaß machen, Arbeit soll ja den Zweck erfüllen, den Lebensunterhalt zu decken.
Aber wenn Arbeit zu Resignierung, zu Demütigung, zu Verzweiflung und Angst (zB vor Versagen, Fehler machen) führt, dann kann sie nicht mehr gut gemacht sein.
Und dann geht es zu Lasten der Qualität, in diesem Fall liegt sich Oma eben noch wunder, schreit Opa die ganze Nacht unbehandelt…

Was echte und uneingeschränkte Aufmerksamkeit benötigt, kann niemals in Minuten umgerechnet werden.

DAS kann keine Reform, keine GroKo, kein Koalitionsvertrag und keine von Wirtschaftsbossen dominierte Partei oder Regierung erfassen.

Ich wünsche es allen noch tätigen Pflegenden/Betreuenden, dass sie endlich ernsthaft angehört werden. Dass sie zu Wort kommen, um für ihre Patienten, Bewohner und Klienten – und für sich selbst – endlich was zum wirklich Guten zu verändern.

 

 

5 Gedanken zu “Wenn die Pflege ko(a)l(l)isiert

    • ja Katrin, das stimmt schon, sie kämpfen mittlerweile schon oft und sehr öffentlich, es gibt ja von der Politik auch „Ansätze“, aber diejenigen die es nun mal (leider!) alles entscheiden, wollen es nicht verstehen…
      Aber wir werden weiter machen, denn andersrum geht es auch – wenn es (euch) Zupflegenden gut geht, können auch wir in der Pflege Tätigen nur wirklich ruhig schlafen… 😉
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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