ein Loch in der Jacke

Immer wieder mal erinnere ich mich an Begebenheiten während meiner Tätigkeit als Betreuungskraft.
Es gab sehr schöne, ergreifende Momente, aber auch traurige und gefährliche. Jeder Moment ist unersetzlich.
Wenn ich zum Beispiel eine meiner Jacken anschaue, dann muss ich unweigerlich an einen speziellen Nachmittag denken.

Frau B. war schwerst eingeschränkt und freute sich auch immer sehr auf unsere regelmäßigen Begegnungen.
Sie konnte so herzlich lachen, wenn ihr das offensichtlich auch oft körperliche Schmerzen bereitete.
Dazu konnte sie nur sehr angestrengt wenige Worte sprechen und das auch nur an „guten Tagen“.
Zur täglichen Einzelbetreuung bin ich daher stets bewusst ohne  „Plan“ oder „Weisung“ gegangen,
sondern orientierte mich an ihrer aktuellen Verfassung, ihren Wünschen, ihrer Laune und natürlich am Wetter.

Meist wurde vorher mit einer Pflegekraft kommuniziert, so dass bei der Möglichkeit eines Spazierganges Frau B. oft schon angezogen im Rollstuhl saß und mich hoffnungsvoll lächelnd erwartete.
Mein Dank an die Pflegekräfte war ihnen immer gewiss. Ich konnte mich ja hin und wieder auch revanchieren.
Wir beide machten häufig Späße, sie zog gerne mal an meiner Jacke oder lugte in meine Mitbring-Tasche hinein.
Aus der ich dann gelegentlich mal ein Schokoriegelchen für sie herausholte und den Anblick ihrer Freude darüber genoss.
An DEM Tag saß sie schon wartend an ihrem Kaffeetisch im Speisesaal.
Also stellte ich meine Mitbring-Tasche ins Dienstzimmer und setzte mich zu ihr an den Tisch.
Wir alberten nur ein wenig herum, da es ihr an dem Tag irgendwie nicht so gut ging.
Das Wetter bot einen sonnig-frischen Tag, meist wirkte das anregend auf sie und die Aussicht, die Geschäftigkeit um die Ecke zu erleben.
Sie wurde nach und nach etwas kesser und dann – sah sie plötzlich gespannt auf meinen Arm.

Sie schrie auf. Leise war sie dabei ja nicht. Alles um uns herum erstarrte.
Am meisten wohl ich.
Die Dienstschwester stürzte aus ihrem Zimmer.
Da zeigte Frau B., die diesen Effekt gar nicht zu merken schien,
auf meinen einen Jackenärmel.
Da war nämlich ein Daumenloch.
In beiden Ärmeln natürlich. Wo auch mein Daumen herausschaute.

Sie fing an, so herzlich und laut zu lachen, dass wiederum alle,
die vorher erschrocken waren, von diesem Gelächter angesteckt wurden.
Frau B. versuchte zu artikulieren
„…das sieht ja lustig aus! Ein Loch! Für den Daumen…“
und wollte sich schier ausschütten vor Lachen.
Ihr kleiner zarter Körper vibrierte richtig, es wirkte so erfrischend.
Die Dienstschwester und ich tauschten, als wir uns wieder beruhigt hatten, einen lächelnden,
verständnisvollen Blick aus, schauten in die Runde ob alles ok war und genossen ihre Freude.

Beim Spaziergang draussen am Brunnen wollte Frau B. nahezu jedem
„mein Loch“ zeigen, aber wir beide waren in dem kleinen Grün-Areal ja schon bekannt
und so hatten alle ihren Spaß daran.

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